Archiv für November 2009

PROGRAMMNENNUNGEN IN KOOLHAAS’ DELIRIOUS NEW YORK

10 Das vorliegende Buch ist eine Interpretation dieses Manhattan, die dessen scheinbar zusammenhanglosen – ja unvereinbaren – Episoden eine gewisse Konsistenz und Kohärenz verleiht, eine Interpretation, die Manhattan als das Produkt einer bislang nicht formulierten Theorie, des Manhattanismus, darzustellen sucht, dessen Programm – in einer von Menschen gemachten Welt, d.h. im Innern einer Phantasie zu leben – so extrem war, dass es, um realisiert werden zu können, nie offen ausgesprochen werden konnte.
22 Trotz seiner scheinbaren Neutralität impliziert es [das Raster] ein intellektuelles Programm für die Insel: Indifferent gegenüber der Topographie, gegenüber dem Bestehenden, behauptet es die Überlegenheit geistiger Konstrukte über die Wirklichkeit.
56 In weniger als zehn Jahren haben diese Männer einen Urbanismus auf Grundlage der neuen Technologie des Phantastischen erfunden und durchgesetzt: Eine permanente Verschwörung gegen die Realitäten der Außenwelt. Dieser Urbanismus definiert die Beziehungen zwischen Standort, Programm, Form und Technologie von Grund auf neu. Der Standort ist jetzt zu einem Miniaturstaat geworden, das Programm zu dessen Ideologie und Architektur zur Anordnung der technischen Apparatur, die den Verlust tatsächlicher Körperlichkeit ausgleicht.
81 Da jedes der so entstehenden neuen Grundstücke sein eigenes programmatisches Schicksal finden muss – ohne Einflussnahme des Architekten –, ist der Wolkenkratzer das Instrument eines neuen Urbanismus des Unfassbaren. Trotz seiner physischen Stabilität ist der Wolkenkratzer der metropolitane Destabilisator schlechthin: Er verspricht unausgesetzte, programmatische Instabilität.
86 Um diese programmatische Anreicherung zu ermöglichen, schlüpfen die Instrumente der Effizienz wieder in ihre angestammte Identität als Utensilien der Illusion.
178 Zum ersten Mal arbeitet Hood an einem Mehrzweckgebäude. Ohne Rücksicht auf eine programmatische Hierarchie weist er bestimmten Teilen des Berges die notwendigen Funktionen einfach zu.
Ist das Programm der Funktion also übergeordnet?

WEITERE NENNUNGEN

11 Die retroaktive Formulierung von Manhattans Programm ist ein polemisches Unterfangen.
15 Das einleitende Zitat beschreibt Manhattans Programm ohne Rücksicht auf die Tatsachen, gibt seine Intentionen aber ziemlich genau wieder. Manhattan ist eine Bühne des Fortschritts.
95 [Das Woolworth-Building] ist ein Meisterwerk des Materialismus: Keines der programmatischen Versprechen des neuen Gebäudetyps wird ausgeschöpft.
160 Vom EG bis zum 11. Stockwerk korrespondiert die Aufwärtsbewegung im Downtown Athletic Club mit einer immer größeren Subtilität und Unkonventionalität der „Programme“, die auf den jeweiligen Plattformen angeboten werden.
192 Das Geniale des Rockefeller Center liegt in der Leistungsbeschreibung dieser Hülle – in ihrer „Eroberung durch architektonische und programmatische Details.
209 Das Rockefeller Center ist die ausgereifteste Demonstration der unausgesprochenen Theorie des Manhattanismus, wonach die unterschiedlichsten Programme gleichzeitig auf ein und demselben Grundstück existieren können, lediglich verbunden über einige gemeinsame Einrichtungen wie Aufzüge, Versorgungsschächte, Pfeiler und äußere Hüllen.

DIAGRAMM2_27.11.2009

DIAGRAMM_27.11.2009

Architektur

http://www.lacatonvassal.com/

OMA AMO Arbeitsweise

Im postmodernen Kampf um Aufmerksamkeit bedienen sich Architekten verschiedener Strategien. OMA hat immer für sich Anspruch genommen, an den Zeitpunkt zurückzukehren zu wollen, an dem die Moderne als Erklärungsmuster noch deckungsgleich war mit dem Vorgang der Modernisierung, den sie urbar zu machen versuchte. Die Recherche war dabei ein wichtiger Bestandteil – eine Art Gegenkraft zur Ideologie. Ziel war es, neue Typologien für die sich verändernde kulturelle Landschaft zu schaffen. Auch wenn diese Typologiesuche vielleicht zum Selbstzweck wurde – Kulturexegese als Markenartikel sozusagen – so hat sie doch dazu geführt, dass OMA, wie wohl kein anderes Büro. Eine offene Formensprache pflegt. Die konstante Hybridisierung persönlicher Sensibilitäten, Fähigkeiten und Kulturen wurde bei OMA zum System, ein Reaktor zur Erzeugung von Neuheit, oder wie Koolhaas selbst einmal geschrieben hat, eine “Maschine zur Erzeugung von Fantasie“.

Für OMA war Architektur, neben der Erfüllung funktionaler Vorgaben, schon immer auch ein Medium und die Suche nach neuen Typologien für Inhalte.

So markiert Junkspace einen Endpunkt, eine Kapitulation vor der Formlosigkeit. Wo Generic City und Whatever Happened to Urbanism noch aufzurütteln versuchten(…), ist Junkspace eine wortgewaltige Beschreibung einer kolossalen ideologischen Niederlage. Demnach war es der Allianz aus öffentlicher Hand und architektonischer Intelligenz endgültig nicht gelungen auf die Modernisierung und auf die Globalisierung ordnend einzugreifen. Zur gleichen Zeit verschob sich der Schwerpunkt der architektonischen Tätigkeit von OMA nach China, wo mit Gebäuden wie dem Hauptsitz für das chinesische Staatsfernsehen CCTV repräsentative Architektur im Dienste eines ideologisch starken Staates noch möglich schien.
In diesem Kontext kann AMO als eine mögliche Neuorientierung gesehen werden. Ideologie wurde ersetzt durch Recherche, übergeordnete Lösungsmodelle durch Analyse des kulturellen Kontxts. Eine Arbeitsteilung zwischen Architektur und Inhalt schien opportun, vielleicht auch mit dem Ziel, die Architektur vom Ballast des Inhalts zu befreien.
In diesem Sinne ist Amo eher eine Allianz mit der Globalisierung als mit der Modernisierung:
Vernetzung anstelle von Wachstum, Differenzierung anstelle von Neuheit, Identität anstelle von Typologie. Weicher, einfacher, flexibler, schneller anpassungsfähiger, vielleicht sogar nachhaltiger auf Inhalt statt auf Materie beruhend.
(…), dass der kulturelle Wandel die Anpassungsfähigkeit von Architektur bei weitem überschreitet und wir über neue Arbeitsteilungen nachdenken müssen.
OMA: Architektur, Modernisierung, Typologie, Diagramm, Büro, Ideologie
AMO: Inhalt, Globalisierung, Identität, Logo, Netzwerk, Recherche

COMO 24.11.2009:Von der Funktion zur FORM! (Gedanke)

Neben den zwei Geschäften, die OMA inzwischen für Prada fertig gestellt hat, hat AMO an die dreißig Projekte ausgeführt, die vielfach den architektonischen Kontext vollends verlassen. Diese Projekte beinhalten Beiträge einer Vielzahl von Disziplinen, was eine Unschärfe vormals klar definierter Berufgattungen mit sich bringt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist AMO halb wie ein Labor, halb wie ein Studio organisiert. Ähnlich wie einer Filmproduktion(…).

Zur Beschreibung der Medienelemente des Epicenter in Beverly Hills:

Die Medienelemente im Raum und zwischen den Produkten sind taktil und interaktiv. Im Aufzug sind Bildschirme installiert, die virtuell das innere des Liftschachts abbilde, auf dem immer neue, sich gegen die Fahrtrichtung bewegende Bilder gezeigt werden. Zudem wurde eine Serie von Internetapplikationen erstellt, die in Echtzeit Inhalte aus dem Netz suchen und diese gemäß den jeweils aktuellen Schlagzeilen und Börsendaten als bewegte Bildcollagen zusammenstellen. In gewissem Sinne wird das Internet als eine neue Form der Öffentlichkeit in das Innere des Ladens eingeschleust. Der Gesamteffekt ist der einer architektonischen und digitalen Wunderkammer.

Medienraum

Junkspace*, wie ihn Rem Koolhaas im gleichnamigen Essay beschreibt, ist ein Raum, in dem Ordnung an virtuelle Strukturen delegiert wurde, in dem die Wirklichkeit sich zunehmend nach einem virtuellem Rhythmus bewegt.
Das eigentliche Potential, das AMO vor diesem Hintergrund postuliert, ist, Architektur als eine metaphorisch gewandte, kulturell positionierte, räumlich und sensorisch verankerte Ordnungsmethodik zu verstehen, die reale wie virtuelle Strukturen einschließt. Architektonische Typologien existieren dabei in einem fließenden Spektrum zwischen Landschaft, Stadt und Information und Inhalte zwischen Taktilität, Phänomenologie und Virtualität. Vermutlich können nur so neue räumliche Phänomene verstanden und erschlossen werden.

Aus Archplus, 175(oder176), „… – Architektur als Medium“, Markus Schäfer

*JUNKSPACE

Logan Airport: ein Ausbau von Weltklasse für das 21. Jahrhundert (Reklametafel, spätes 20. Jahrhundert)

Einleitung
Wenn Space-Junk – Weltraummüll – der von Menschen stammende Schrott ist, der das Universum zunehmend verschandelt, so ist Junk-Space das, was die Menschheit auf unserem Planeten hinterlassen wird. Das gebaute (darüber später mehr) Resultat der Modernisierung ist nicht moderne Architektur, sondern Junk-Space. Junk-Space ist das, was nach der Modernisierung übrigbleibt, oder, genauer gesagt, das, was gerinnt, während die Modernisierung stattfindet, ihr Fallout. Die Modernisierung hatte ein rationales Programm: den Segen der Wissenschaft universell zu verbreiten. Junk-Space ist ihre Apotheose oder Kernschmelze … obgleich ihre jeweiligen Teile das Ergebnis brillanter, hypertechnischer, mittels menschlicher Intelligenz und Phantasie sowie unaufhörlicher Berechnung präzise geplanter Erfindungen sind, bedeutet ihre Summe das Ende der Aufklärung, ihre Wiederauferstehung als Farce, ein minderwertiges Purgatorium …

erschienen in Arch+ 149/150

PRADA TRANSFORMER

Der Purzelraum DIE ZEIT
Eröffnung 27.04.2009

Koolhaas sagt, an seinem neuen Werk gefalle ihm vor allem, dass es klare Formen – ein Kreis, ein Rechteck, ein Sechseck – mit einer weichen Membran verbinde. Und dass jede Fläche perfekt an ihre Bestimmung als Boden einer Ausstellungshalle oder eines Kinos oder auch als Laufsteg angepasst ist. Ein Gebäude, das nur aus Funktion besteht. »Das ist mein Statement zur Architektur unserer Zeit. Und zu der Arbeit meiner Kollegen«, sagt Koolhaas. Der zeitgenössischen Architektur wirft er vor, vor allem Embleme zu schaffen, Formbauten ohne Verstand und Sinn

http://www.prada-transformer.com/

»Die Freiheit ist größer denn je«

Rem Koolhaas im Gespräch mit Hanno Rauterberg DIE ZEIT (http://www.zeit.de/2008/24/Koolhaas-Interview)

„Ich glaube eher, dass wir gerade den globalen Triumph des Exzentrischen erleben. Lauter extravagante Bauten entstehen, Bauten ohne Inhalt, ohne Funktionalität. Es geht ausschließlich um spektakuläre Formen und natürlich ums Ego der Architekten.

„Weil es da vor allem um Gefühle geht. Wir interessieren uns sehr dafür, wie die Menschen auf unsere Bauten reagieren. Aber wenn ich jetzt in so einem Interview erläutern würde, was man in den Gebäuden fühlen sollte oder könnte, dann wäre das absurd. Dann wäre die Architektur am Ende auch nichts anderes als ein Themenpark mit inszenierten Gefühlen und programmierten Stimmungen.“

„Das weiß ich nicht. Es gefiel mir einfach, die Welt von außen betrachten zu können (Rückkehr aus Indonesien nach Rotterdam), als jemand, dem nicht alles selbstverständlich erscheint. Und in gewisser Weise gehört das bis heute zu unseren Methoden hier im Büro, bei jedem Auftrag möglichst bei null anzufangen und alles zu vergessen, was man vermeintlich weiß. Wir haben das in Seattle so gemacht, als es darum ging, eine neue Vorstellung von dem zu gewinnen, was heute eine Bibliothek sein kann. Oder in Porto, wo wir lange über andere Funktionen und Formen für ein Konzerthaus nachgedacht haben.“

programm-zitate

sauklaue: was rem koolhaas in delirious new york zum programm sagt

Stadtumbau meint mehr als Abriss Zum Umgang mit Plattebauvierteln

„Großsiedlungen (…), sind -unter längerfristigem Horizont betrachtet- ganz normale Stadt. Er kommt nur darauf an, dass man ihnen diese Normalisierung nicht verwehrt.
Die Normalisierung des industriellen Massenwohnungsbaus und damit seine Aufnahme in die Schichtung gewachsener Stadthistorie ist ein Vorgang, der Funktionskorrekturen und Nutzungsüberlagerungen braucht.“

„Die Idealvorstellungen des Plans haben sich erschöpft, von nun an bestimmen die ´wirklichen´ Verhältnisse, wie es weiter geht. Da werden Räume und Flächen neu besetzt, Wegebeziehungen neu geknüpft, Orte mit neuer Bedeutung belegt.“

„Plattenbauten sind ganz normale Häuser, die nur zu früh, gewissermaßen im Rohzustand, bezogen wurden. Man muss sie einfach fertig bauen, (…).“

Umbauvarianten werden ausgetestet, vor allem im Osten. Teilabriss, Abstockung, andere Bebauungsformen integriert, andere Wohnungsformen.

Leerstandnutzung Dessau-West

„(…) leer stehende Wohngebäude entgegen der allgemeinen Wahrnehmung als unnützer Raum Ressource und Gegenstand vielfältiger Aktivitäten, die allerdings nur bedingt den gängigen Nutzungsvorstellungen entsprechen.“

Austellungsgebäude, illergaler Wohnraum, temporäre künstlerische Bespielung, Nestbau von seltenen Vögeln, Übungsraum der Feuerwehr.

In schrumpfenden Städten eher möglich, als in wachsenden, da die marktwirtschaftliche Logik hier besser umgangen werden kann. Auch in wachsenden Städten aber immer öfter anzutreffen, da diese Interventionen und alternative Funktionen im Rahmen von Gentrifizierungsprozessen von Investoren und Eigentümern als integrierbar und nutzvoll für die Vermarktung angesehen werden. Wirkung der jeweiligen Umdeutung nicht per se positiv, nur individuell abschätzbar. Es fehlt Bewertungsmaßstab. Jedoch interessant in puncto Funktionsbelegung, Funktion ind er Alltagspraxis, Funktionslosigkeit als „leeres Feld“ das „alles“ ermöglicht.