MARC AUGÉ ÜBER »NICHT-ORTE« und das »NICHT-ICH«

Artikel aus dem Kunstforum von 1997

Den Begriff „Nicht-Ort“ habe ich zuerst verwendet, um ihn dem „Ort“ gegenüberzustellen. Ort ist ein Raum, den sich die Menschen seit langem angeeignet haben, von dem man buchstäblich etwas ablesen kann über ihre Beziehungen zur Geschichte, zur sie umgebenden Natur, und weit mehr noch über die Beziehungen der Menschen untereinander. Die Anthropologie lehrt uns, daß die Organisation des Raumes in bestimmten Gesellschaften sehr weit fortgeschritten ist. So schreiben dort Wohn-Gesetze vor, mit wem ein Individuum von seiner Geburt bis zu seinem Tod jeweils zusammenleben darf, durch alle sozialen und biologischen Lebensphasen hindurch (Jugend, Heirat, Fortpflanzung, Alter). Der Wechsel von einer Phase zur nächsten bewirkt oft einen Wechsel des Wohnsitzes, sogar die Wahl der letzten Ruhestätte wird selten dem Zufall überlassen.

Aus dieser Sicht beginnt der Nicht-Ort mit der Entwurzelung. Die Bauern, die im 19. Jahrhundert zur Landflucht gezwungen und in städtisches Milieu verpflanzt wurden, die Auswanderer und die Flüchtlinge, sie alle machen die Erfahrung des Nicht-Ortes. Die großen Pionierbewegungen, die Kolonisierung neuer Gebiete können als Unternehmungen mit dem Ziel aufgefaßt werden, den Raum in Orte zu verwandeln. In diesem Zusammenhang wird deutlich, daß es eine objektive und eine subjektive Dimension des Begriffs Nicht-Ort gibt. Der Nicht-Ort existiert (sogar negativ) durch den Blick der Menschen, die sich nicht darin wiedererkennen oder nicht mehr wiedererkennen oder noch nicht wiedererkennen. Eine einsame Insel, ein Regenwald sind oder waren nicht (denn es gibt sie nicht mehr) Nicht-Orte, sondern Räume, möglicherweise zu erobernde Räume, virtuelle Orte. Das determinierende Kriterium ist in diesem Fall das „Wiedererkennen“: Wir alle brauchen Orte, wo wir uns wiedererkennen, das heißt auch, wo andere uns, so wie wir sie, wiedererkennen. Dies legt den Gedanken nahe, daß für die einen Ort ist, was für die anderen ein Nicht-Ort bleibt, möglicherweise für immer. Der Raum eines Flughafens z.B. hat nicht die gleiche Bedeutung für den Fluggast, der seine Reise antritt, wie für den Angestellten, der hier Tag für Tag mit seinen Kollegen arbeitet.

Im wahrsten Sinne des Begriffs ist der Ort ein Raum, wo die Beziehungen selbstverständlich sind, das gegenseitige Verstehen größtmöglich, wo jeder seinen Platz hat und denjenigen des anderen kennt. Es ist also auch ein in der Zeit (der Kirchturm im Dorf und die Turmuhr haben ihre Bedeutung als Bezugspunkt und Symbol) und in der Sprache festgelegter Raum: Man ist dort „zu Hause“, wo die anderen einen verstehen und wo man selber auch die kleinste Andeutung versteht. Alles, was uns von den sozialen Beziehungen entfernt, entfernt uns auch vom Ort.

Alle Verkehrs-, Informations- und Kommunikationsräume können uns demnach heute als „Nicht-Orte“ erscheinen. Im Prinzip schließt man hier keine Bekanntschaften. Der Gebrauch der Sprache ist auf ein Minimum reduziert (das Verstehen der Bildschirmanleitungen reicht aus). Autobahnen, Flughäfen, Supermärkte, Bankautomaten und Computer, überall hier ist soziales Leben im Alleingang zu bewältigen, ein Widerspruch in sich, der aber dem heutigen Paradox entspricht: Man kann heutzutage allein sein und Beziehungen zur ganzen Welt unterhalten.

Dies ist der wichtigste Punkt, denn über die Relativität des Gegensatzpaares Ort/Nicht-Ort hinaus (je nach Zeitpunkt, Gebrauch und Thematik kann ein Ort zu einem Nicht-Ort werden und umgekehrt), müssen wir unser Augenmerk auf mindestens drei bedeutende Geschehen richten.

Das erste ist die Urbanisierung unseres Planeten, die in den Entwicklungsländern noch auffälliger ist als in den hochindustrialisierten Gesellschaften, und ihre Auswirkungen, die natürlich Städteplaner und Architekten interessieren: der ungenau definierte, schwer einschätzbare und häufig intellektuell nicht erfaßte, nicht symbolisierte Charakter der auf diese Weise besetzten neuen Räume. Der Demograph Hervé Le Bras verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff „urbane Fasern“ und vertritt die Ansicht, daß deren Ausbreitung der dritten Epoche der menschlichen Besiedelung entspricht; auf die Ausbreitung der Jäger und Sammler in der Altsteinzeit folgt die Phase des Ackerbaus in den darauf folgenden Jahrtausenden (La planète au village: migrations et peuplement en France, Ed. De l‘Aube, 1993). Nach den durch diese Vorgänge aufgeworfenen ästhetischen und soziologischen Fragestellungen wäre nun, dem Architekten und Philosophen Paul Virilio zufolge, global gesehen eine rein politische Fragestellung hinzuzufügen. Werden die traditionellen Grenzen zwischen den einzelnen Staaten nicht gewissermaßen von Tag zu Tag immer artifizieller, von dem Augenblick an, wo die beispiellose Entwicklung der Telekommunikation Bedingungen von Allgegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit erzeugt, die einigen wenigen vernetzten Metropolen wachsenden Einfluß verschafft? (L‘espace critique, Bourgois, 1984) Die Eroberung des Raumes scheint sich in der Tat heute, mit Hilfe der Satelliten, mehr mit der technisch-ökonomischen Verwaltung des Planeten zu befassen als mit der Entdeckung des Unbekannten.

Um das zweite Geschehen zu definieren, das unterschiedliche Aspekte aufweisen kann, möchte ich den Ausdruck „Inszenierung der Welt“ vorschlagen. Darunter kann man im wesentlichen die zunehmende Bedeutung des Bildes verstehen, was unsere Beziehung zur Realität denkbar tiefgreifend verändert. Wir erhalten tagtäglich Bilder des gesamten Planeten, und die Bewohner der von den großen Ballungsräumen entferntesten Winkel wissen heute, daß sie zur gleichen Erde gehören wie diejenigen, die sie gelegentlich besuchen kommen, und sie wissen auch (zuweilen zu ihrem eigenen Schaden), daß sie in die gleiche Geschichte verstrickt sind. Aber dieses Überangebot an Bildern hat perverse Folgen: Zwar sind wir gewohnt, alles zu sehen, doch ist nicht sicher, ob wir noch bewußt hinschauen können. Genauer gesagt, ist die Welt, die uns am Bildschirm dargeboten wird, das Abbild einer Aufzeichnung unbekannter Kameras und wird uns sozusagen auf abstrakte Art vertraut: genaugenommen und insofern, wie wir uns mit dem Bild zufriedengeben (was für die meisten zutrifft), gibt es keinerlei Beziehung im sozialen Sinn des Begriffs mehr zwischen dem Bild und uns.

Andere Vorkommnisse, von scheinbar anekdotischem Charakter, weisen in die gleiche Richtung und tragen zur „Inszenierung der Welt“ bei. Ich zähle sie in loser Folge auf und überlasse es dem Leser, sich Wechselbeziehungen vorzustellen. Die Videotechnik hat sich so rasch entwickelt, daß der Tourismus ohne deren visuelle und sogar audio-visuelle Ausweitung gar nicht mehr denkbar scheint. Die Videokamera ist die Prothese des Durchschnittstouristen, so als könne er die Realität der anderen nur in Bildern ertragen. Die Nachrichten aus aller Welt werden uns von früh bis spät in Fragmenten geliefert und auch in diesem Bereich herrscht eine falsche Vertrautheit: Fernsehansager, Politiker und ihre Marionetten, Stars aus Sport und Show-business oder die Helden der Fernsehserien, deren Darsteller untrennbar mit ihnen verknüpft sind, scheinen auf lange Sicht gleichermaßen real und irreal zu sein. Die Berichterstattung über den Golfkrieg hat uns Bilder vermittelt, die identisch sind mit denen von Kriegs-Videospielen. Die hell angestrahlten Touristenattraktionen (und andere Ziele, so als ob sie durch die Beleuchtung aufgewertet würden), sind besonders kennzeichnend für Frankreich, beschränken sich aber keinesfalls auf dieses Land: Diese Art von Inszenierung wird auch bei Naturdenkmälern wie z.B. den Niagarafällen eingesetzt. Es geschieht alles so, als ob man die Landschaft in Postkarten verwandeln müsse, damit sie die Blicke auf sich ziehen. Viele Touristen verwenden mehr Sorgfalt auf den Kauf von Reproduktionen als auf die Betrachtung der Gemälde, die auf einem zu kurzen Museumsbesuch gerade noch wahrgenommen werden: Bisweilen wird ihnen gestattet, sie zu filmen. Die Freizeitparks, als deren Quintessenz Disneyland gelten kann, sind der absolute Höhepunkt an Inszenierung, da man hier im Grunde das Schauspiel eines Schauspiels betrachten kommt: z.B. flanierende Gestalten aus Walt-Disney-Filmen in falschen amerikanischen Straßen, von echten Touristen gefilmt, die ihnen auf diese Weise, indem sie sie in Filmgestalten zurückverwandeln, ihre wahre Natur wiedergeben. Das gleiche Schicksal muten sie im übrigen ihren Familien zu, die, andersherum als bei Woody Allen in The purple rose of Cairo, in den Bildschirm steigen müssen und sich mit den Helden vereinen.

Das dritte Geschehen, von dem man nur hoffen kann, daß es nicht eintritt, von dem man annimmt, daß eine gewisse Anzahl von psychologischen und soziologischen Faktoren das Eintreten verzögert oder die Auswirkungen mildert, welches aber bereits jetzt wie eine Bedrohung wirkt, wäre die Entstehung eines völlig fiktionalen Ichs, definiert durch seine Position auf den Netzen virtueller Realität, fasziniert vom Abbild des Abbilds. Das Objekt dieser Faszination wäre noch weniger real als die Träume und Visionen, denen alle traditionellen Kulturen einen Sinn geben konnten, weil sie das Produkt eines Ortes und einer Kosmologie waren. Dies wäre der Übergang vom Zeitalter des Nicht-Ortes zum Zeitalter des Nicht-Ichs.

Aus dem Französischen übersetzt von Christiane von Beckerath.