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Bignes? Kritik der unternehmerischen Stadtentwicklung; Jochen Becker, S6-7

Hallo zusammen, hier mal eine kritische Stimme zu REM .. wünsche euch allen einen wundergueten Rutsch .. freue mich auf unser Wiedersehen in Kürze, Tabea

Abschnitt aus dem Buch: bignes? size does matter. Image/Politik. Städtisches Handeln
Kritik der unternehmerischen Stadt; Jochen Becker (Hg.); b_books berlin 2001

Bigness, so die spöttische Bemerkung des niederländischen Architekten Rem Koolhaas in seinem Buchkoloss ‚S,M,L,XL‘, sei der Gipfel der Architektur. So preist er seinen stadtteilgrossen Bahnknoten ‚EuraLille‘, da nur mehr Grösse ein ‚Regime der Komplexität‘ und die ‚geballte Intelligenz der Architektur‘ moblisieren könnte. Als ‚Revolution ohne Programm‘ stehe hier selbst die ‚Chance zu einer Neuordung des gesellschaftlichen Lebens‘ zur Diskussion. Koolhaas‘ Reformkapitalismus hofft auf die entfesselten Kräfte des Marktes, welches der zögerlichen Politik des Gemeinwohls Beine machen werde. ‘ Den Tiger reiten‘ nannte das kurz nach der Wende Berlins Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer in Hinblick auf die ‚grösste Baustelle Europas‘ am Potsdamer Platz, welchen sich die globalen Unternehmen Daimler und Sony, ABB und Metro aufgeteilt hatten.

SIZE DOES MATTER
‚Bigness ist nicht mehr Teil eines wie auch immer definierten urbanen Zusammenhangs. (…) Ihr Subtext lautet: Scheiss auf Kontext!‘, kommentiert Koolhaas die aktuelle unternehmerische Stadtentwicklung. Bigness ist selbst Stadt und ist sich ‚angesichts der Menge und Vielfalt der Einrichtungen, die sie birgt‘ selbst genug. Dies sei ‚die einzige Architektur, die den mittlerweile globalen Zustand der Tabula rasa überleben, ja sogar nutzen kann (…); opportunistisch strebt sie zu jenen Orten, die Maximum an Infrastruktur verheissen.‘Bigness wird als heilsamer wie unabwendbarer Schock beschrieben: Sie ‚zerstört, aber sie ist auch ein Neuanfang. (…) Sie ist die einzige Architektur, die das Unberechenbare meistern kann. Statt Koexistenz zu erzwingen, ist Bigness abhängig vom Systemen, die grösstmöglichste Freiheit und maximale Differenz bieten.‘ Die Freiheit findet sich in den Nischen der Durchplanbarkeit solcher Ungeheuer: ‘ Es ist schlechterdings unmöglich, ihre gesamte Masse mit Sinn und Zweck zu erfüllen.‘ Eine Bigness-Theorie existiere nicht, und Koolhaas macht sich nicht die Mühe, sie über Skizzen hinaus aufzuschreiben. Im ‚Regime der Komplexität‘ sind hierbei die Interessen, Konditionen und Sachzwänge so massiv und unüberschaubar ineinander verkeilt, dass nur mehr unter den Konditionen unternehmerischer Stadtentwicklung Fortschritte zu erzielen seien. J.P. Baietto beschreibt die von ihm ins Leben gerufene und ‚Qualitätszirkel‘ benannte EuraLille-Kommission als ‚Höllendynamik‘: ‚Die Beziehungen, die gegenseitigen Abhänigkeiten, die Befruchtung von Schnittstellen, die Überlagerungen von Nutzern und Besitzern werden so komplex, dass sie eine Gruppe von Gefangenen bilden, zusammengekettet durch gegenseitige Verbindlichkeiten, verschlimmert durch die hohe Komplextität, die sie unwillentlich angeboten haben.‘ (zitiert in S, M, L, XL)
Der von Koolhaas als marktwirtschaftlich definierten Abgewandtheit seiner Tätigkeiten von jeder Politik widerspricht schon die eigene Berufspraxis: Ein Grossteil seiner Bauten haben öffentliche Auftraggeber und Finanzquellen oder entstammen kommunaler Initiative. In die befreiend empfundene ‚Revolution ohne Programm‘, welche in der ebenso schillernden wie kaum mehr beherrschbaren neuen Grösse schlummere, ist trotz allem produktivem Chaos erst recht Herrschaft eingeschrieben. So konnte der Chefarchitekt Koolhaas sein grossmasstäbliche Stadtprojekt EuraLille nur dank der Durchsetzungskraft von Pierre Mauroy – machtvoller Ex-Premierminsters und jetztiges Stadtoberhaupts in der nordfranzösischen Provinz – fortsetzen. Derzeit allerdings steck EuraLille unvollendet in der Krise, wie so viele grossmasstäbliche Stadtentwicklungsprojekte in Stuttgart, Frankfurt oder im Ruhrgebiet, von denen noch die Rede sein wird.
(…)

Essay_REM KOOLHAAS

ÜBER REM KOOLHAAS’ PROGRAMMBEGRIFF (stand_felix_überarbeitet)

Vorhaben

Unser Vorhaben ist, Rem Koolhaas’ Vorgehensweise anhand seines Programm-Begriffs zu untersuchen.

Es bietet sich in diesem Zusammenhang an, einen Seitenblick auf etwaige Stichwortgeber zu werfen. Eine allgemeine Ideengeschichte haben wir vernachlässigt und uns auf eine Argumentation konzentriert: Der Architekt und Mathematiker Christopher Alexander entwickelte in seiner Dissertation „Notes on the Synthesis of Form“ im Jahre 1961 einen Programmbegriff, der dem Entwerfer ein Werkzeug an die Hand geben sollte, spezifische Lösungen für spezifische Kontexte zu generieren, ohne zu stark von der eigenen Sichtweise eingeschränkt zu werden. Es ist spannend zu beobachten, wie Koolhaas diesen Begriff verwendet, für sich okkupiert und schließlich für das eigene Schaffen fruchtbar macht. Im Folgenden beziehen wir Alexanders Ansatz zunächst auf Henri Lefebvres Kategorien von Struktur, Form und Funktion.

Das Programm als Werkzeug

Christopher Alexander war der Meinung, klassische Entwurfsprozesse stellten keine ideale Lösung der gegenwärtig gestellten Probleme dar. Sowohl formales wie funktionales Vorgehen seien ihrem Gegenstand unangemessen – ersteres organisches Vorgehen aufgrund der zu hohen Komplexität heutiger gesellschaftlicher Realität, zweiteres aufgrund der Überlagerung der Problemstellung durch die Perspektive des Entwerfers (1). Sein aus diesen Feststellungen entwickelter Vorschlag, strukturell vorzugehen, setzt darauf, den Eigenanteil des Entwerfers am Entwurfsprozess weitestmöglich auszuschalten (2). In der Analyse komme man vom Problem zu vielfältigen Möglichkeiten seiner Dekomposition. Die angemessenste von diesen nenne sich Programm (3) und sei nun in einem der Dekomposition entgegengesetzten Vorgang, Synthese genannt, über das Kreieren konstruktiver Diagramme und der aus deren Zusammenfügen letztlich folgenden Form zu realisieren (4). Somit bietet er eine Theorie des Entwurfsprozesses an, die zugunsten von Entscheidung auf Erfindung weitestgehend verzichtet.

Noch einmal zusammengefasst: Alexander sagt, eine bestimmte Anforderung solle erfüllt, mithin zum funktionieren gebracht werden. Dies geschehe durch die Form. Um bestmögliches Funktionieren zu gewährleisten, müsse man aber den Code knacken, also die Struktur des Zusammenhangs von Form und Funktion analysieren. Wir können versuchen, Rem Koolhaas’ „Delirious New York“ unter diesem Aspekt zu betrachten:

Das Programm als Perspektive

Rem Koolhaas nutzt in seinem Buch „Delirious New York“ den Begriff „Programm“ zum Umreißen eines Konzepts metropolitaner Architektur, indem er versucht, das implizite Programm herauszuarbeiten, welches das Entstehen des Urbanismus des Fantastischen, für welchen das Manhattan des frühen 20. Jahrhunderts exemplarisch stehe, informiert habe, ohne jemals expliziert worden zu sein.

Seiner Ansicht nach sei der „Manhattanismus“ ein Urbanismus auf Grundlage des Phantastischen gewesen – ausgerichtet auf ein Leben im Inneren einer Phantasie. Bereits die Anlage des Rasters, auf dem Manhattan entstand, habe die Orientierung an der Überlegenheit geistiger Konstrukte gegenüber der Wirklichkeit vorgegeben (5). Dies äußere sich im 20. Jahrhundert in einer „permanenten Verschwörung gegen die Außenwelt“ – der Schaffung eigener Gesetze für spezifische Orte, die von Programmen legitimiert seien. Die dafür nötige Technik wiederum müsse von der Architektur angeordnet werden (6). Das Programm ist somit nicht nur ein Analyse-Instrument, sondern auch die bewegende Theorie, die Ideologie, die sichtbar gemachte dem Raum immanente Möglichkeit. Das Leben in dermaßen künstlichen Umwelten kann nur gestaltet werden durch Rückgriffe auf die Struktur, Programme werden also ganz selbstverständlich benutzt, um fantastische Lebensräume erschaffen zu können, sie sind deren Grundlage und lösen sich aus der Gebundenheit von Entwurfsprozessen.

In der Moderne ging es nach außen hin um Funktionieren, um Produzieren im Sinne von mechanischem Schaffen. Im Manhattanismus schälte sich aber bereits die Möglichkeit einer ganz anderen Teleologie heraus: Nicht an Rationalität war den Planern gelegen, sondern eben um die Möglichkeit, eine künstliche Welt zu schaffen – oder gleich beliebig viele. Der Mensch erscheint hier im Sinne von de Certeau als Produzent zweiter Ordnung: Als Konsument, der mittels verschiedener Praktiken mit dem Gegebenen umgeht (7). Koolhaas begreift also den Programmbegriff als konstituierend für die metropolitane Gesellschaft, die eben nur durch eine Manipulation an der Struktur, nicht mehr durch bloße Form-Funktion-Zuordnungen erschaffen werden kann.

Das Programm als Funktion

Indem Koolhaas „Programme“ teilweise in Anführungsstriche setzt (8), leitet er geschickt über zur unbemerkten Eigenschaft solcher Umwelten als programmiert – sie scheinen uns die „Funktion“ zu haben, Traumwelten zu produzieren. Am Ende hat er sich in „Delirious New York“ also ein schillerndes Begriffsarsenal geschaffen, mit dessen Unterstützung sein Office for Metropolitan Architecture nun neben der Begriffsbildung auch auf dem Sektor der Formfindung an der Umsetzung seiner Theorien zum metropolitanen Urbanismus tätig werden kann. Der Programmbegriff dient nach Koolhaas’ Bearbeitung nicht mehr nur als Werkzeug, sondern auch als Perspektive sowie als Ersatz der im Konsumieren verloren gegangenen Funktion.

Fußnoten

(1) Alexander „Notes on the Synthesis of Form“, S.70 „(…) the selfconscious individual’s grasp of problems is constantly misled. His concepts and categories, besides being arbitrary and unsuitable, are self-perpetuating. Under the influence of concepts, he not only does things from a biased point of view, but sees them biasedly as well. The concepts control his perception of fit and misfit – until in the end he sees nothing but deviations from his conceptual dogmas, and loses not only the urge but even the mental opportunity to frame his problems more appropriately.“

(2) Alexander „Notes on the Synthesis of Form“, S.77 „In the unselfconscious process there is no possibility of misconstruing the situation: nobody makes a picture of the context, so the picture cannot be wrong. But the selfconscious designer works entirely from the picture in his mind, and this picture is almost always wrong. The way to improve this is to make a further abstract picture of our first picture of the problem, which eradicates its bias and retains only its abstract structural features; this second picture may then be examined according to precisely defined operations, in a way not subject to the bias of language and experience.“

(3) Alexander „Notes on the Synthesis of Form“, S.83 „(…) For every problem there is one decomposition which is especially proper to it, and (…) this is usually different from the one in the designer’s head. For this reason we shall refer to this special decomposition as the program for the problem (…). (…) This program is a reorganization of the way the designer thinks about the problem.“

(4) Alexander „Notes on the Synthesis of Form“, S.84 „Finding the right design program for a given problem is the first phase of the design process. It is (…) the analytical phase of the process. This first phase of the process must of course be followed by the synthetic phase, in which a form is derived from the program. We shall call this synthetic phase the realization of the program.“

(5) Koolhaas „Delirious New York“, S.22: „Trotz seiner scheinbaren Neutralität impliziert es [das Raster] ein intellektuelles Programm für die Insel: Indifferent gegenüber der Topographie, gegenüber dem Bestehenden, behauptet es die Überlegenheit geistiger Konstrukte über die Wirklichkeit.“

(6) Koolhaas „Delirious New York“, S.56 „In weniger als zehn Jahren haben diese Männer einen Urbanismus auf Grundlage der neuen Technologie des Phantastischen erfunden und durchgesetzt: Eine permanente Verschwörung gegen die Realitäten der Außenwelt. Dieser Urbanismus definiert die Beziehungen zwischen Standort, Programm, Form und Technologie von Grund auf neu. Der Standort ist jetzt zu einem Miniaturstaat geworden, das Programm zu dessen Ideologie und Architektur zur Anordnung der technischen Apparatur, die den Verlust tatsächlicher Körperlichkeit ausgleicht.“

(7) De Certeau „Kunst des Handelns“, S.13: „Diese „Fabrikation“, der hier nachgegangen werden soll, ist eine Produktion, eine Poiesis, – die allerdings unsichtbar ist, da sie sich in den von den Systemen der (…) „Produktion“ definierten und besetzten Bereichen verbirgt (…), die als „Konsum“ bezeichnet wird.“

(8) Koolhaas „Delirious New York“, S.160 „Vom EG bis zum 11. Stockwerk korrespondiert die Aufwärtsbewegung im Downtown Athletic Club mit einer immer größeren Subtilität und Unkonventionalität der „Programme“, die auf den jeweiligen Plattformen angeboten werden.“