Archiv der Kategorie ' M. de Certeau'

Kunst des Handelns, M. de Certeau

Kapitel VII; Gehen in der Stadt
(179) “ Im Gegensatz zu Rom hat New York niemals die Kunst des Alterns und des spielerischen Umgangs mit den Vergangenheiten erlernt. Seine Gegenwart wird von Stunde zu Stunde erfunden, indem das Vorhandene verworfen und das Zukünftige herausgefordert wird“.

(180) „Auf die Spitze des World Trade Centers emporgehoben zu sein, bedeutet, dem mächtigen Zugriff der Stadt entrissen zu werden. Der Körper ist nicht mehr von den Strassen umschlungen, die ihn nach einem anonymen Gesetz drehen und wenden; er ist nicht mehr Spieler oder Spielball und wird nicht mehr von dem Wirrwar der vielen Gegensätzen und der Nervosität des New Yorker Verkehrs erfasst. Wer dort hinaufsteigt, verlässt die Masse, die jede Identität von Produzenten oder Zuschauern mit sich fortreisst und verwischt. […] Seine erhöhte Stellung macht ihn zu einem Voyeur. “

(181) „Der 420 m hohe Turm, der das Wahrzeichen von Manhattan bildet, erzeugt weiterhin die Fiktion, die Leser schafft, indem sie die Komplexität der Stadt lesbar macht und ihre undurchsichtige Mobilität zu einem transparenten Text gerinnen lässt. Ist dieses gewaltige Textgewebe, das man da unten vor Augen hat, etwas anderes als eine Vorstellung, ein optisches Artefakt?“

1. Vom Konzept der Stadt zu urbanen Praktiken
(Konzeptstadt)
(184)“ ‚Die Stadt‘ bietet nun, so wie ein Eigenname, die Möglichkeit, den Raum ausgehend von einer begrenzten Anzahl von festumrissenen Eigenheiten, die isoliert und voneinander unterschieden werden können, zu erfassen und zu konstruieren.

(185) Die Stadt wird zwar zum beherrschenden Thema der politischen Legendenbildung, aber sie ist kein Bereich programmierter und kontrollierter Verfahren mehr […]“.

Rhetoriken des Gehens; Glaubhaft und denkwürdig:die Bewohnbarkeit
(192) „Der Stil kennzeichnet […] die grundlegende Art und Weise des In-der-Welt-seins eines Menschen ; er bedeutet zugleich eine Einzigartigkeit.“

(194) „Das Gehverhalten spielt mit der Raumaufteilung, so panoptisch sie auch sein mag: es ist ihr weder fremd (es bewegt sich nicht woanders hin) noch konform (es bezieht seine Identität nicht aus ihr). […] dabei wird es selber zum Resultat einer Reihe von Begegnungen und Gelegenheiten, die es unaufhörlich verändern […].“

(195) „Durch diese Aufblähung, Schrumpfung und Zerstückelung, durch diese rhetorische Arbeit bildet sich ein räumliches Satzbild analogischer (nebeneinanderstehenden Zitate) und elliptischer Art (Lücken, Lapsus und Anspielungen).“

(196) „Die Figuren dieser stilistischen Metamorphose des Raumes sind die Gebärden. […] Sie verändern die Szenerie, aber kein Bild kann sie an einem Ort festhalten.“

(196) „Ihre rhetorische Wanderung reißt die eigentlichen, analytischen und kohärenten Bedeutungen des Urbanismus mit sich fort und davon; es handelt sich um ein „abirren des Semantischen“, das von Massen erzeugt wird, die die Stadt an bestimmten Punkten verschwinden lassen und an anderen Stellen wieder wuchern lassen, sie verzerren, zerlegen und von ihrer dennoch unbeweglichen Ordnung abbringen“

3. Was einen „In Bewegung versetzt“: Mythisches
( 197)“ […] Die Ähnlichkeit zwischen ‚Diskurs‘ (bestimmte typische Prozesse der im Diskurs manifestierten Subjektivität) und Traum beruht auf dem Gebrauch derselben ’stilistische Verfahren‘; sie schliesst also auch die Praxis des Gehens ein. […] Wenn es hier eine Parallelität gibt, so nicht nur deshalb, weil in diesen drei Bereichen (Diskurs, Traum, Praxis des Gehens) die Äusserung vorherrschend ist, sondern auch deshalb, weil ihr diskusiver (verbalisierter, geträumter oder gegangener) Ablauf sich als ein Verhältnis zwischen dem Ort“ von dem er ausgeht (ein Ursprung), und dem Nicht-Ort , den er erzeugt (eine Art des ‚Vorrübergehens‘), organisiert.“

(197) „Gehen bedeutet, den Ort zu verfehlen.“

(197) “ Das Herumirren, das die Stadt vervielfacht und verstärkt, macht daraus eine ungeheure gesellschaftliche Erfahrung des Fehlens des Ortes.“

(198) “ […] die Bezüge und Überschneidungen jener Massenwanderungen führen zu Verflechtungen, die das urbane Netz bilden, und untersteht dem Zeichen dessen, was schliesslich ein Ort sein sollte – aber die STADT ist nur ein Name.“

(198) “ […] es gibt nur ein einziges Gewimmel von Passanten, ein Netz von flüchtigen, der Zirkulation entzogenen Unterkünften, eine Durchquerung von scheinbar eigenen Orten und ein Universum von gemieteten Orten, die von einem Nicht-Ort oder von geträumten Orten bedrängt werden.“

Glaubhaft und denkwürdig: die Bewohnbarkeit
(205) „Es gibt Orte, die von zahlreichen Atmosphären und Geistern überlagert sind, welche dort schweigend bereitstehen und „heraufbeschworen“ werden können oder nicht“

(208) „Dieses Verhältnis von sich zu sich bestimmt die inneren Veränderungen des Ortes (das Spiel zwischen seinen Schichten) oder auch die beim Gehen stattfindende Entfaltung der an einem Ort angesammelten Geschichten (Verkehr und Reisen).“

(208) „Die Kindheit die über den Umgang mit den Raum entscheidet, entwickelt in der Folge ihre Wirkungen, vervielfältigt und überflutet die öffentlichen und privaten Räume, verwischt dabei die entzifferbaren Oberflächen und schafft in der durchgeplanten Stadt eine „metaphorische“ oder entstellte Stadt […]“

Abstract „Rhetoriken des Gehens“ (Certeau)

Es gibt einen städtischen „Text“, dem Fussgänger folgen, den Fussgänger schreiben, ohne ihn lesen zu können. (S. 182)
Dabei gibt es eine Rhetorik des Gehens, die genauso wie Alltagssprache Stile (Einzigartigkeit) und Gebrauchsformen (verweisen auf Normen) enthält und kombiniert.
Soll diese Rhetorik Modelle und Hypothesen über die Aneignungsweise von Orten liefern, ist vorauszusetzen, dass:
1. Umgehensweisen mit dem Raum bestimmten Manipulationen an den Grundelementen einer gebauten Ordnung entsprechen und
2. Umgehensweisen mit dem Raum Varianten im Verhältnis zu einer Art buchstäblicher Bedeutung sind.
Dabei scheint „der Geometrische Raum der Urbanisten und Architekten die Bedeutung des „eigentlichen Wortsinns“ zu haben“.
Im diesem, mit der Raumaufteilugn spielenden, Gehverhalten sind zwei grundlegende Stilfiguren zu beobachten: Synekdoche (ein Teil anstelle des Ganzen) und Asyndeton (Weglassen von Bindewörtern, ein Nichts anstelle von Etwas). Diese beiden Geh-Figuren sind voneinander untrennbar. „Die eine ersetzt Totalitäten durch Fragmente, die andere löst ihre Verbindung indem sie Konjunktives und Konsekutives weglässt.“ Sie „ersetzen das technologische System eines kohärenten und zusammenfassenden, eines „gebundenen“ und simultanen Raumes durch Wege, die eine mythische Struktur haben.“ Mythos wird dabei als Diskurs verstanden. Es findet eine stilistische Methamorphose des Raumes statt.